Alpine Rasengesellschaften - Die Graswelt oberhalb der Baumgrenze
Oberhalb der Baumgrenze erstreckt sich ein Reich der Gräser und Kräuter: die alpinen Rasen. Diese Pflanzengesellschaften sind Meisterwerke der Anpassung an Kaelte, Wind und kurze Vegetationsperioden.
Entstehung und Standortfaktoren
Alpine Rasen entstehen dort, wo das Klima zu rau fuer das Baumwachstum ist. Die wichtigsten Standortfaktoren sind: eine durchschnittliche Jahrestemperatur von unter 2 Grad Celsius, eine Vegetationsperiode von nur 60 bis 100 Tagen, starke Winde (oft ueber 100 km/h) und eine hohe Sonneneinstrahlung mit intensiver UV-Strahlung.
Die alpine Rasenvegetation bedeckt in den Bayerischen Voralpen ausgedehnte Flächen oberhalb von etwa 1.700 bis 2.000 Metern. Bekannte alpine Rasen finden sich auf den Gipfelbereichen der Rotwand, der Brecherspitz, des Jägerkampp und der Bodenschneid.
Horstgräser und Polstergräser
Die dominanten Pflanzen der alpinen Rasen sind Gräser, die in Horsten oder Polstern wachsen. Die wichtigsten Arten sind:
- Das Alpen-Rispengras (Poa alpina) - Ein weit verbreitetes Horstgras der alpinen Stufe.
- Der Alpen-Schwingel (Festuca alpina) - Ein feinblättriges, dicht horstbildendes Gras.
- Der Goldhafer (Trisetum flavescens) - Ein charakteristisches Gras der Alpweiden, gut erkennbar an den goldgelben Rispen.
- Die Alpen-Schmiele (Deschampsia cespitosa) - Ein groesseres Horstgras in feuchten Lagen.
- Das Borstgras (Nardus stricta) - Ein saurezeigendes Gras, das auf mageren Boeden gedeiht.
Kräuter der alpinen Rasen
Zwischen den Gräsern wachsen zahlreiche krautige Pflanzen, die den alpinen Rasen ihre Farbenpracht verleihen:
- Alpen-Enzian (Gentiana clusii) - Leuchtend blaue Blüten auf Kalkrasen.
- Silberwurz (Dryas octopetala) - Ein niederliegender Zwergstrauch mit weissen Blüten.
- Alpenhelm (Bartsia alpina) - Eine kleine, violett bluehende Pflanze der alpinen Stufe.
- Kugelblume (Globularia cordifolia) - Blaue Kugelblüten auf felsigen Rasen.
- Teufelskralle (Phyteuma orbiculare) - Violette, kugelförmige Blütenstände.
Anpassungen an die Extrembedingungen
Alpine Rasenpflanzen haben bemerkenswerte Anpassungen entwickelt:
- Niedriger Wuchs: Die Pflanzen bleiben niedrig (2-10 cm), um Windschutz zu finden.
- Polsterwuchs: Dichte Blattrosetten speichern Wärme und schuetzen vor Wind.
- Dicke Cuticula: Die Wachsschicht auf den Blaettern schuetzt vor UV-Strahlung.
- Fruche Bluete: Viele Alpenpflanzen bluehen sofort nach der Schneeschmelze.
- Lange Wurzeln: Tiefreichende Wurzelsysteme sichern die Wasserversorgung.
Die Biomasseproduktion alpiner Rasen beträgt nur 100-500 g/m² pro Jahr - verglichen mit 1.000-2.000 g/m² im Bergwald. Diese geringe Produktivitaet macht sie sehr empfindlich gegenueber Stoerungen.
Nutzung als Alpweiden
Alpine Rasen werden traditionell als Sommerweiden (Almen) genutzt. Die extensive Beweidung durch Rinder, Schafe und Ziegen hat die Vegetation über Jahrhunderte geprägt. Die Almwirtschaft hat zur Entstehung und Erhaltung artenreicher alpiner Rasen beigetragen.
Die Aufgabe der Beweidung fuhrt zur Verbuschung und Vergrasung der alpinen Rasen. Die natuerliche Sukzession leitet die Rueckkehr des Latschengebüsches und schliesslich des Bergwaldes ein. Der Erhalt der artenreichen alpinen Rasen ist daher eng mit der traditionellen Almwirtschaft verbunden.
Fazit
Die alpinen Rasen sind ein faszinierender Lebensraum, der sich durch extreme Standortbedingungen und hochspezialisierte Pflanzenarten auszeichnet. Ihr Schutz ist nicht nur aus botanischer Sicht wichtig, sondern auch fuer die Bewahrung einer jahrtausendealten Kulturlandschaft.